Stephan Lipke SJ, See – Berge – Begegnung. Ferienlager in Kirgisien

In Kirgisien, zwischen Kasachstan, China und Usbekistan, lebt wohl eine der kleinsten katholischen Gemeinschaften der Welt: Das Land ist mit seinen Bergen, Flüssen und Seen überwältigend schön, aber sehr arm. Es ist halb so groß wie Deutschland, es hat etwa vier Millionen Einwohner, aber davon sind höchstens zweitausend katholisch. Meistens gehören diese Katholiken zu den ärmeren Bevölkerungsschichten, denn ihre Familien sind erst vor ein paar Jahrzehnten aus Korea, aus Litauen, aus der Ukraine eingewandert, und so haben sie kein Netz von verwandtschaftlichen Beziehungen. Solche Bindungen sind aber in einem muslimischen Land sehr wichtig.

Trotzdem – oder gerade deshalb – ist es wichtig, dass sich auch hier die Christen als „Salz der Erde“ verstehen. Deshalb organisiert Bruder Damian Wojciechowski SJ jedes Jahr unter anderem mehrere Ferienlager. In diesem Jahr waren es vier: Eines für katholische Kinder, zwei für Studierende (fast oder ganz ausschließlich Muslime) und eines für katholische Jugendliche und junge Erwachsene. An diesem Lager hatte ich die Möglichkeit teilzunehmen. Vom Aufbau und Ablauf her waren aber alle Lager sehr ähnlich.

Am Freitag, 31.7., fuhren wir mit Kleinbussen und PKW von der Hauptstadt Bischkek an den See Issyk-Kul, den größten See Kirgisiens. Für die 400 km lange Strecke brauchten wir etwa sechs Stunden. Mit dabei waren knapp vierzig Jugendliche und junge Erwachsene, die meisten aus verschiedenen Gegenden Kirgisiens, etliche aber auch aus Usbekistan. Manche Teilnehmer hatten insgesamt fünf Tage Anreise gehabt. Als geistlicher Leiter war ein Franziskaner-Pater aus Usbekistan dabei, P. Pjotr, außerdem eine Ordensschwester und insgesamt acht Freiwillige aus Schottland, Slowenien, Polen u. a.

Die Jugendlichen stammten zum Teil aus sehr schwierigen Verhältnissen, manche hatten früh erfahren, was Gewalt und Alkoholismus in einer Familie anrichten können, manche hatten den Tod des Vaters erlebt, bei vielen waren die Eltern geschieden. Manche hatten sich ganz alleine in ihrer Familie entschieden, sich katholisch taufen zu lassen. Einzelne Teilnehmer waren übrigens auch ungetauft. Bruder Damian war es von Anfang an wichtig, dass alle lernten, sich im Lager an Regeln zu halten und am Gelingen des Ganzen mitzuarbeiten. So mussten Jugendliche gleich die Lebensmittel und Putzmittel in die Küche schleppen, kochen, Tische decken, spülen, im Freien ein Kreuz für eine kleine „Kirche“ aufstellen, Holz für Lagerfeuer sammeln und spalten und vieles mehr.

Die Tage waren geprägt von den Gebetszeiten: Morgengebet, vor dem Mittagessen die Eucharistie (natürlich nur in den „katholischen“ Lagern), am Nachmittag ein Vortrag von Bruder Damian oder P. Pjotr zum Thema: welches Ziel, welchen Sinn, welche Richtung kann mein Leben haben, am Abend schließlich ein Nachtgebet. Sehr ausgeprägt war bei vielen Jugendlichen die Neigung, zur Gitarre geistliche Lieder zu singen.

Während der ersten Tage gingen wir immer wieder an den See Issyk-Kul, in dem man hervorragend schwimmen und an dessen Ufer man sehr schön in der Sonne liegen kann. Das Gefühl ist vielleicht ähnlich wie an der Ostsee, nur dass man weiß: Man liegt auf 1000 m Höhe, und dass man ringsum Dreitausender sehen kann.

Nach einigen Tagen ging es für drei Tage und zwei Nächte in die Berge, d. h. wir nahmen mit, was wir konnten, und ließen die Holzhäuser am See zurück. In 3200 m Höhe wurden dann Zelte aufgestellt, zu denen die meisten etwa 15 km lang wandern mussten. Die Zelte auf- und wieder abzubauen war nicht leicht, denn der Wind pfiff ziemlich stark. Leider hatten wir dort ziemlich Pech mit dem Wetter, denn an zwei Nachmittagen war es sehr kalt und regnerisch. Vormittags konnten wir jedoch schöne Wanderungen unternehmen. Gekocht wurde auf einem Feuer an einer windgeschützten Stelle hinter einem Felsen.

Schließlich gingen bzw. fuhren wir von dort wieder zurück und ruhten uns noch einige Tage lang am See aus. In diese Tage fielen noch zwei Höhepunkte des Lagers. Denn an einem Abend gab es die Disko – die dort genauso wenig fehlen durfte wie in Deutschland, auch wenn sie einmal verschoben werden musste, weil es keinen Strom gab. Außerdem kam Bischof Nikolaus Messmer SJ die 400 km aus Bischkek angefahren, um die Jugendlichen zu besuchen und mit uns die heilige Messe zu feiern.

Schließlich ging es am Montag, 10.8., zurück nach Bischkek – und von dort für viele noch weiter. Für die Jugendlichen war das, denke ich, eine wichtige Erfahrung: Sie haben erlebt, wie sie gemeinsam auch Schwierigkeiten meistern und mit ihrer Arbeit etwas erreichen konnten, sie sind Erwachsenen begegnet, denen sie wichtig waren, sie haben erlebt, dass sie als Katholiken nicht ganz allein in ihren Dörfern und Städten sind, sie konnten jungen Menschen aus verschiedenen Ländern begegnen. Für uns Europäer war das Lager ebenfalls eine große Bereicherung: die Aufgeschlossenheit der Jugendlichen zu erleben, das gemeinsame Engagement und nicht zuletzt die beeindruckende Tatkraft von Bruder Damian.

Stephan Lipke SJ

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